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Stammtischfahrt
2024 -
wir waren full da!
Wer kennt ihn nicht, den berühmten Werbeslogan eines Reifenherstellers? Ich würde sagen, so ziemlich jeder kennt ihn nicht – sprich: Es kennt ihn wohl keine Sau, bis auf wenige mit einer Inselbegabung für das Merken von Werbesongs und Werbeslogans aus den 70ern und 80ern, über die auch ich verfüge, wenngleich ich mir nicht meine eigene Handynummer merken kann.
Gern hätte ich meine Behauptung mit harten Fakten untermauert, aber das Ganze liegt so weit zurück, dass nicht mal das sonst allwissende Internet, das angeblich nichts vergisst, sich noch daran erinnern kann. Ich möchte die Sache jetzt auch nicht im Detail weiter erörtern, weil es eigentlich nur darum geht, einen Einstieg zu unserer letzten Stammtischfahrt zu finden. Diese führte uns nämlich – Überraschung – nach Fulda, die osthessische Metropole, die viele nur vom Vorbeifahren kennen, wo man auf Faschingsveranstaltungen im Anzug geht, weil sich zu verkleiden als gelebte Anarchie gilt und die die Wirkungsstätte streitbarer (oder auch umstrittener) Zeitgenossen wie Bischof Dyba und Alfred Dregger war.

Hauptbahnhof
Frankfurt/Main: Die Vorhut der Reisegruppe
positionoíert sich um Mr. Clou in der Mitte
Dort zog es Anfang September bei bestem Wetter 10 Stammtischler und einen Gönner hin. Aufgrund der räumlichen Nähe und der Tatsache, dass die ICEs zwischen Frankfurt und Fulda eh im Kriechtempo fahren, fiel unsere Wahl auf den Regionalexpress mit Start in Frankfurt. Zwar entbehrt dieser eines Bordbistros, aber aufgrund der Kürze der Zeit stellte dies kein weiteres Problem dar, waren wir uns doch gewiss, innerhalb eines sehr überschaubaren Zeitraums unser Ziel zu erreichen. Es sei erwähnt, dass sich nur acht Reiseteilnehmer am Morgen zum Fahrtantritt einfanden. Einer wollte mit dem Bio-Bike (wer denkt sich solche Begriffe aus?) fahren, ein anderer musste erst noch arbeiten und ein weiterer hatte am Freitagabend noch Verpflichtungen zu erfüllen, weswegen er erst samstags nachzügeln konnte. So kurz wie die Bahnfahrt war, so unspektakulär war sie auch. Auf dem Fußweg vom Bahnhof zu unserem Hotel („Zum Ritter“), um dessen Buchung sich freundlicherweise unser Stammtischbruder Jochen gekümmert hatte, wurden wir der Tatsache gewahr, was an einem Ort von solch spiritueller Dichte möglich ist. Wir wurden Zeugen einer Wunderheilung! Als wir an einer Ampel die Straße queren wollten, kam uns ein Rollstuhlfahrer entgegen. Vom Styling her würde ich ihn der Kategorie der wohnungslosen Münzen- und Flaschensammler (das ist jedoch nur mein persönlicher und subjektiver Eindruck) zuordnen. Dieser zog hinter sich einen kleinen Anhänger her, auf dem sich sein Hab und Gut befand. Beim Überwinden der Bordsteinkante fiel seine Iso-Matte vom Anhänger, was ihn dazu veranlasste, umgehend aufzuspringen und diese wieder aufzuladen. Nach getaner Arbeit setzte er sich wieder in seinen Rollstuhl und fuhr weiter. Auch verzichtete er auf Ausrufe wie „Sehet her – ich kann gehen, ich kann gehen!“, was ich in der Situation angemessen gehalten hätte.
Im Hotel Ritter angekommen bezogen wir unsere Zimmer und besuchten umgehend den zum Hotel gehörenden Biergarten. Unsere Frage, ob wir für das Abendessen gleich einen Tisch für 10 Personen reservieren könnten, sorgte beim Bedienungspersonal für Heiterkeit. Man beschied uns höflich, dass dies leider nicht möglich sei, weil schon alle Tische vergeben wären. Ich bin der Überzeugung, dass man innerlich eher dachte: „Was seid ihr denn für Vögel? Es ist Freitag, es ist Bomben-Biergarten-Wetter und ihr fragt mittags um zwei, ob ihr für abends noch einen 10-Personen-Tisch bekommt!“

Ohne Helm und Rüstung:
Frühstück im Hotel "Zum Ritter"
Doch sei es drum, wir tranken noch das ein oder andere Bier, warteten auf einen Nachzügler und zogen dann weiter. Es zeigte sich, dass man sich nicht immer auf das Internet verlassen kann. Nachdem sich nämlich unser radelnder Nachzügler meldete und nach unserem Aufenthaltsort fragte, schlug die Idee ihm via Messenger-App den aktuellen Standort zukommen zu lassen grandios fehl. Er wurde dadurch auf eine völlig falsche Fährte (bzw. einen völlig falschen Ort) gelotst, sodass er sich über Old-School-Methoden wie fragen, oder Schilder lesen zu uns durchkämpfen musste. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren – vielleicht haben die Russen oder Ukrainer zu dieser Zeit das GPS gestört.
Das nächste Ziel war der Biergarten „Hotel Brauhaus Wiesenmühle“. Hierbei handelt es sich um einen Biergarten größeren Ausmaßes, in dem wir problemlos Platz finden und unser verspätetes Mittagessen zu uns nehmen konnten. Nachdem wir uns mit Essen gestärkt und durch Konsum des hauseigenen Gersten-/Weizentrunks unseren Flüssigkeits- und Mineralhaushalt reguliert hatten, zogen wir weiter. Irgendwann kamen wir dann zum „Platzhirsch“. Dort nahmen wir die ein oder andere Runde Bier zu uns. Die Aufnahme weiterer Nahrung erschien uns in Anbetracht des nicht allzu lange zurückliegenden, stark verspäteten Mittagessens verfrüht. Im weiteren Verlauf des Abends überwogen aber die Bedenken einer möglichen drohenden Unterzuckerung während der Nacht, weshalb wir bei einem asiatischen Restaurant noch einen kleinen Imbiss zu uns nahmen. Das war es dann auch schon für den ersten Tag – zumindest gibt meine Timeline nicht mehr dafür her. Selbst der Besuch beim Asiaten wurde unterschlagen und ich musste mein Gedächtnis aktivieren. Ebenso fehlt in den Aufzeichnungen der Besuch in einer Rockkneipe, die aber auch Raucherkneipe war und weswegen wir es dort nicht allzu lang ausgehalten haben.
Ein Kinderspielplatz! Da
konnte Heiko nicht widerstehen...
...oder ist das eher ein
Senioren-Trimm-Dich-Pfad?
Für den nächsten Tag hatten wir uns den Besuch des vor der Haustür liegenden höchsten Berges der Rhön vorgenommen – die „Wasserkuppe“. Zuvor machten wir noch einen Abstecher zwecks Besichtigung des Fuldaer Doms. Bis auf einen Mitstreiter, der es sich nicht nehmen lassen wollte, den Berg hoch zu strampeln, fiel die Wahl für die bevorzugte Fortbewegung auf den ÖPNV. Es handelte sich um einen Linienbus. Wäre es ein schienengebundenes Medium gewesen, hätte man die Fahrt unter dem Titel „Leben in vollen Zügen“ zusammenfassen können. Waren wir doch tatsächlich nicht die einzigen, die am ZOB in den Linienbus Richtung Wasserkuppe einsteigen wollten. Ebenso hatte sich am Bussteig eine Gruppe junger Menschen eingefunden, deren T-Shirts darauf schließen ließen, dass es sich wohl um den Elferrat einer kleinen Gemeinde aus dem Umfeld von Fulda handelt, die (wahrscheinlich) just an diesem Tag eine Teambuilding-Maßnahme durchführten, bei der jede Menge Alkohol verkonsumiert wurde. Wenn es denn nur elf gewesen wären, hätte man das platztechnisch wohl noch gut verkraften können, jedoch waren auch die Ersatzleute und die Ersatzleute der Ersatzleute dabei, sodass im Bus eine Enge herrschte, dass man keine Angst haben musste, auf seinem Stehplatz umzufallen – das ging schlicht physikalisch nicht!
Nach gefühlt 20
Haltestellen Rumgegurke über die Käffer und eine Haltestelle vor der
Wasserkuppe verließ diese illustre Gesellschaft den Bus. Ob sie nun
wirklich ihr angestrebtes Ziel erreicht hatten oder zu betrunken waren
und deshalb versehentlich zu früh ausgestiegen sind? Wir werden es
wohl nie erfahren! Auf der Wasserkuppe angekommen, wechselten wir
aus dem überfüllten Bus an ein überfülltes Kiosk (eigentlich zwei: Das
von Lotti und das von Walter), um uns dort für Bier und einen Imbiss
anzustellen. Danach liefen wir etwas umher, passierten das Restaurant
„Märchenwiese“, überquerten zweimalig halsbrecherisch die
Sommerrodelbahn und unternahmen eine Kurzwanderung zum ebenso dort
befindlichen Radom.
Auf der Wasserkuppe mit
Wanderführer Jochen
Da es auf der Wasserkuppe eher zugig ist, findet man dort an jeder Ecke Menschen, die sich die Thermik zu Nutze machen wollen, um vom Erdboden abzuheben (Gleitschirmflieger, Segelflieger, Motorflieger, …). So war es denn auch kein Zufall, dass wir bei einer Flugrevue zuschauen konnten, die am Restaurant „Weltensegler“ stattfand. Diese wurde von einem Rheinländer präsentiert und mit der ein oder anderen humoristischen Einlage untermalt. Ein Spruch, der sich mir eingeprägt hat, ist: „Sie wissen ja: Mobbing lebt vom Mitmachen!“ Zwischendurch hielten wir immer wieder mal Kontakt zur Heimat und erkundigten uns nach dem Befinden von Nachzügler Nummer drei. Dieser hatte sich am Abend zuvor derart verausgabt, dass er offensichtlich in Bezug auf den Blutalkoholpegel noch nicht wieder den Status der Fahrtüchtigkeit erreicht hatte.
Nach dem Ende der Flugshow nahmen wir den letzten Bus von der Wasserkuppe zurück nach Fulda in unser Hotel. Ungefähr zeitgleich startete Nachzügler Nummer drei, der zwischenzeitlich zur Überzeugung gekommen war, wieder verantwortungsvoll am Straßenverkehr teilnehmen zu können. Bzgl. Abendessen unternahmen wir diesmal gar keine Experimente, einen Tisch für 11 Personen zu reservieren, sondern steuerten gezielt wie am Vortag die „Wiesenmühle“ an, wo es zwar auch recht voll war, aber wir uns dennoch ein Plätzchen suchen konnten. Dort konnte dann jeder das zu sich nehmen, von dem er am Vortag bei der Bestellung gedacht hatte: „Das klingt auch interessant ...“ und bei der ein oder anderen Runde Bier den Klängen eines Alleinunterhalters lauschen, der an diesem Abend zur Kurzweil aufspielte. Dem bunten Treiben schloss sich ein Spaziergang durch die Altstadt an, der seinen gediegenen Abschluss in einer Cocktail Bar fand.
Auch Fasssbierfreunde können
unheimlich süß sein!
Am nächsten Morgen fanden sich alle zum ausgiebigen Frühstück ein, der ein oder andere schaute noch bei der ein oder anderen Sehenswürdigkeit vorbei, bis diejenigen, die mit der Bahn angereist waren, schließlich den Weg zum Bahnhof antraten, um nach einer pannenfreien Bahnfahrt wohlbehalten wieder zuhause anzukommen.